Buergerhaus Muehlhausen im Kraichgau

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Presse

12.11.2021 - Pigor & Eichhorn

Musikalische Spitzenleistung mit bitterbösen, satirischen Texten

Pigor & Eichhorn zum vierten Mal zu Gast bei Kultur im Bürgerhaus
 
Mühlhausen – rka – Vor fünfundzwanzig Jahren machten sich Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn auf, um die Bühnen des Kabaretts musikalisch zu erobern. Zwei Genies vereinten sich damals zu einem „Duo furioso des Musikkabaretts“, das über Jahre sein Niveau ständig zu steigern wusste. Heute, fünfundzwanzig Jahre und insgesamt zehn Programme später, von denen inzwischen vier bei Kultur im Bürgerhaus zu hören waren, begeistern sie immer noch mit musikalischer Spitzenleistung  und bitterbösen, satirischen Texten. Wenn Thomas Pigor sein rollendes R in die Mikrofone presst, so ganz nebenbei noch Benedikt Eichhorn am Klavier beleidigt und mit stoischer Miene sich Gedanken macht über „In Rente gehen“, über die „Verteidigung der Political Correctness“ oder über die „Männliche Pluralbildung“,  wenn sich die beiden Herren auf der Bühne bekriegen, sich aneinander reiben, wobei es mit Benedikt Eichhorn immer nur einen Verlierer gibt, dann hat das Publikum seinen Spaß. Mit beeindruckender Eleganz marschiert das Duo durch alle Stilrichtungen der Musik und versteht es dabei, präzise und punktgenau bösartige Sätze auf liebliche Melodien zu texten, um den Hörer ganz bewusst vor den Kopf zu stoßen.
 
Pigor & Eichhorn haben sich seit ihrem letzten Auftritt bei Kultur im Bürgerhaus weiter gesteigert, haben eine unnachahmliche Handschrift entwickelt, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter Chanson versteht. Ob Pop, Jazz, Hip-Hop oder Lieder zum Mitsingen, das Duo lässt Wort und Musik gleichwertig, also auf Augenhöhe, miteinander wetteifern. Bewundern darf man auch die Virtuosität des Duos und den Mut, Neues zu wagen. Mit seinen Chansons setzt es neue Maßstäbe. Das Programm mit dem Titel „Volumen X“ ist witzig, intelligent, gleichzeitig bösartig, und hat dabei einen Charme und eine Frechheit, die einem zeitweise den Atem verschlägt. Die Texte von Sänger Thomas Pigor sind hoch verdichtete Lyrik, mit der die beiden Künstler über das „das Recht auf Grenzüberschreitung“ oder über die „Endzeitopas“ singen und rappen.
 
„Wir sind wieder da“! Mit Live-Kabarett!“ Das hört sich an wie ein Befreiungsschlag. Da explodiert etwas nach viel zu langer, coronabedingter Abwesenheit von der Bühne. Mit Temperament und atemberaubenden Tempo bringen Pigor & Eichhorn ihr nagelneues Programm auf die Bühne, eine höchst philosophische, politisch nicht immer ganz korrekte Mischung. „Kabarett, das ist Freiheit!“ Man spürt, dass ihnen die Hände und die Stimme gebunden waren. Aber sie haben fleißig in aller Stille getextet und komponiert und können deshalb ruhigen Gewissens das Publikum fragen: „Was haben Sie in dieser Zeit getan“ Denn dieses über sich selbst hinausweisende „Volumen X“ der beiden in die Jahre gekommenen Salon-Hip-Hoper ist erfrischend intelligent und zugleich ein großer Spaß, gerne wie zum Einstieg auch mal mit gereckter Faust vorgetragen, nahezu perfekt von Pigor ausgetanzt.
 
Die beiden Bühnenpartner – Eichhorn, wie in jedem Programm und dem Publikum bestens vertraut, auch immer mal in der Rolle des Untergebenen – zerpflücken das in Corona-Zeiten angeschwollene Gequatsche in Talkshows („Ersatzparlament“) vortrefflich auseinander, dass einem die lateinischen Vokabeln nur so um die Ohren fliegen. Man vergleicht: Selten war ein Programm des Duos so politisch, was aber dem intelligenten Spaß keine Abbruch tat, sowohl in der Moderation als auch in Pigors Songs. Etwa wenn im Song „Idioten“ darüber nachgedacht wird, dass ihr Prozentsatz in jeder Bevölkerungs- oder Berufsgruppe gleich ist. Oder wenn im schmissigen Song „Ladekabel“ die Abhaklisten für alle Dinge erstellt werden, die man im Urlaub am Strand braucht.
 
Natürlich greift ein solches Kabarett-Programm auch das hochaktuelle Thema „Klimawandel“ auf. Und da hauen die beiden kräftig auf die Pauke und klagen im Song „Wir sind die Endzeitopas“ an. Man lebe doch heute so, als gäbe es kein Hinterher. Die „Abwärtsspirale“ drehe sich immer schneller. Und trotzdem: „Es ist uns Wurst! Nach uns die Sintflut!“ Doch das bittere Ende sei absehbar, denn „wir sind die letzten Erben des reichen Europas“. Was nützten so kleine Schritte wie Müll vermeiden, Wasser sparen, Bäume pflanzen, auf das Auto verzichten, Radfahren? Auch die Politik habe mit ihrer „Blauäugigkeit“ zu dieser Entwicklung beigetragen. Durch umweltschädliches Verhalten habe man den „Wandel einfach verpennt.“
 
Einsamer Höhepunkt ist Pigors Song „Rente gehen“, eine mit Begeisterung geschmetterte Aufforderung an die älteren Generation, sich bitte nicht aus Altenteil zurückzuziehen, und die Arbeit den Jüngeren und „Inkompetenten“ zu überlassen, denen es an Erfahrung mangle. Die Talente der Alten seien immer noch gefragt, denn sie seien „die letzten Guten“ in einer Zeit, in der ein Mechatroniker nichts mehr reparieren könne. In den Zwischenansagen sind die beiden immer auf der Höhe der Zeit: Es geht ausführlich ums Gendern, und da haben die beiden eine gute Idee: Wie wäre es, statt der Gender-Sternchen einfach das plattdeutsche Plural-S zu verwenden? Also „Musikers“ statt Musiker*Innen, Lehrers statt Lehrer*Innen.
 
„Stadt oder Land? Wo fühlst du dich mehr zu Hause“ Das ist eine Frage, welche die beiden sehr kontrovers diskutieren und dann zur Erkenntnis kommen: „Heimat ist da, wo man nicht ist.“ Oder doch lieber eine Heimat im Süden mit 300 Sonnentagen? „Wer sich das leisten kann, ist arm dran“, so ihre Schlussfolgerung.
 
An Strategien, wie man am besten argumentiert, gab es bei diesem zehnten Programm einiges zu erfahren, zogen sich doch die verschiedenen Absichten, den anderen mit einem Wortschwall zu überzeugen bzw. zu überrumpeln wie ein roter Faden durch das Programm „Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten – Vol. X“. Wobei sich dieses „Muss begleiten“ etwas relativiert hat. Denn Pigor hat sich nach mehr als zwei Jahrzehnten Duo-Geschichte dazu durchgerungen, auf der Bühne Gitarre zu spielen, sich also zu begleiten. Und wenn er mehrfach hinter der Bühne die angeblich defekte D-Saite austauschen geht, tritt Eichhorn ins Rampenlicht und gibt einige gekonnte, wohlige Songs zum Besten. Auch diese Intermezzi schätzt das Publikum. Wenn auch das Zusammenspiel von Akustikgitarre und Klavier noch Luft nach oben hat, tat diese neue Klangfärbung dem Ganzen gut, besonders dann, wenn Pigor einen Song im Stile eines 70er-Jahre-Heldensängers die „Political Correctness“ verteidigt und als „Kampfansage an die Bürgerlichen und gegen die Moral der Bundesrepublik“ versteht.
 
Unbedingt sehens- und hörenswert fand das Publikum den Kabarettabend und spendete den verdienten Applaus. Aber mal ehrlich: So gute Akteure dürfen nicht ohne Zugaben abtreten. Und die gab es dreifach.