Presse / Kritiken

10. November 2017

ALFONS "WIedersehen macht Freunde"

 

Herzhaftes Lachen, bewegende Emotionen, geistreicher Humor mit Tiefgang

Der „Deutschen liebster Franzose“, Alfons, begeistert im Bürgerhaus mit seinem Programm „Wiedersehen macht Freunde“

Mühlhausen – rka – Wieder einmal platzte das Mühlhäuser Bürgerhaus aus allen Nähten. Denn es hatte sich schon lange herumgesprochen: Alfons kommt, der allseits bekannte Kulturreporter der ARD mit französischem Akzent. Natürlich knüpfte das Publikum ganz bestimmte Erwartungen an diesen Abend und an Alfons. Es sollte ein Abend des herzhaften Lachens, des entspannten Zuhörens, des geistreichen Humors werden. Und was bot Alfons, ausgestattet mit seinem Markenzeichen, der orangefarbenen Jacke und seinem Notizblock in der Hand? Er erfüllte diese Wünsche, ging aber noch einen Schritt weiter. Und hier zeigte sich die ganze Klasse dieses Kabarettisten. Sein Programm „Wiedersehen macht Freunde“ hat Tiefgang, ist bisweilen ernst, besinnlich, dann hoch emotional, dann wieder herzerfrischend warm und lustig. Dahinter verbirgt sich eine Qualität, die nicht auf oberflächliche Effekthascherei ausgeht. Denn Alfons nimmt die Menschen auf liebevolle Weise mit auf eine Zeitreise, von der sie berührt und nachdenklich in den Alltag zurückkehren.

 

Was macht diesen Abend so persönlich? Aus seiner „wahren Lebensgeschichte“ hat Alfons ein abendfüllendes Bühnenprogramm gebastelt mit einer Mischung aus Melancholie, wehmütigen Erinnerungen, amüsanten Geschichten und tiefgreifenden Erkenntnissen, die „mein Leben für immer verändert haben“. In „Wiedersehen macht Freunde“ nimmt Alfons, der „Deutschen liebster Franzose“, wie die FAZ schriebt, sein Publikum mit auf eine Reise in die Zeit seiner Kindheit und Jugend, in der er seine besten Freunde kennen lernt: Jérome, der so gut küssen kann, dass ihm keine Lehrerin bei Klassenarbeiten schlechte Noten gibt. Und Jean-Francois, der eben diese Klassenarbeiten samt Büchern und anderen Wertsachen in verlässlicher Regelmäßigkeit in der Pariser Metro liegen lässt. Es geht um Freundschaft und um gemeinsame Fußballspiele im Rathaus des 13. Bezirks, wo er und seine Freunde beim „Tor des Monats“ den Kronleuchter von der Decke des Rathaussaals herunterschießen mit der Folge eines Hausverbots.

 

Auch zu Hause stand Alfons vor einem Scherbenhaufen. „Auf einmal war der Vater weg“, nachdem er nach langen Streitigkeiten den Fernseher mit einer Rotweinflasche, die ihm als „Fernbedienung“ diente, zerstörte hatte. Keinen großen Spaß hatte der Junge an seinem langweiligen Schulweg. Lediglich die rote Ampel hatte einen zu großen Reiz, um auf Grün zu warten. Auch wenn Alfons nicht alles aus seiner Kindheit verrät, zeigt er doch eines: Die vielschichtigen Gefühle, die ihn seit seinem sechsten Lebensjahr begleiten, die Sehnsucht nach seinem Vater, die Suche nach Freunden und Vorbildern. Und Alfons wäre nicht Alfons, wenn er nicht von Zeit zu Zeit einen kleinen Seitenhieb oder Spruch als Tritt gegen das Schienbein unterbringt. Auf Alfons warten weitere „Zufallsbegegnungen“, die sein Leben nachhaltig prägen. Dazu zählt vor allem „Archimedes“, ein Obdachloser, den alle Vorurteile treffen, die man sich vorstellen kann. Um seine Bretterbude herum gibt es eine wilde, unbebaute Fläche, auf der jeder seinen Müll illegal entsorgen kann.

 

Eine Polizistin hatte die Jugendlichen gewarnt, auf keinen Fall dorthin zu gehen: „Da ist ein Typ, der Kinder frisst“. Natürlich war dadurch die kindliche Neugier geweckt und die drei Freunde tasteten sich mit aller Vorsicht heran, „obwohl es verdächtig nach Grillfleisch roch“. Zur großen Überraschung der drei lösten sich alle Vorurteile in Wohlgefallen auf: „Es war wirklich ein großartiger Tipp der Polizistin, der unser Leben für immer verändert hat“. Auf dieser Brachfläche hinter einem innerstädtischen Bretterverschlag residierte also „Archimedes“, der mit seinen Lebensweisheiten selbst die Jugendlichen beeindruckte. „Archimedes hat uns beigebracht, auch als Erwachsene ein bisschen Kind zu bleiben“. In einer Bretterbude auf engstem Raum zu wohnen und dabei auch noch glücklich sein? Archimedes hat den Jugendlichen gezeigt, dass das möglich ist.

 

Alfons schildert seine Reise in die eigene Vergangenheit mit einem schmunzelnden Blick auf die schönen, bemerkenswerten Momente in dieser verrückten Welt. Und dass es die nicht nur im Paris seiner Kindheit und Jugend, sondern auch im Deutschland und Frankreich der Gegenwart gibt, belegt er mit einigen, in seine Erzählung eingestreute Reportagen: Umfragen auf Wochenmärkten, Hundeschau, Autosalon, Nacktwandern sind nur einige der Themen seiner kurzen Filmbeiträge, mit denen Alfons den Bogen vom Damals ins Heute schlägt. Es sind viele kleine Geschichten, die er selbst erzählt oder manchmal auch gerne von andern erzählen lässt.

 

Als Einstieg in den Abend, sozusagen auf Aufwärmprogramm fürs Publikum und für sich selbst macht Alfons zu Anfang einen Abstecher ins Politische. Die Korruption sei für französische Politiker nie ein Problem gewesen. „Politiker zu kaufen, ist normal“. Dass der derzeitige französische Präsident  keine Ahnung von Finanzen hat, sei hinlänglich bekannt. Dafür habe er die Liebe seines Lebens gefunden, indem er seine ehemalige Lehrerin „rumgekriegt hat“. Dass der Präsident bei Staatsempfängen immer seinen Hund zur Seite hat, kommentiert Alfons trocken: „Es ist schon seltsam, dass Hunde gleich an der Spitze der Regierung stehen“. Still wird es im Saal, als Alfons die „Meckerer von Europa“ daran erinnert: „Seit wir Europa haben, gab es hier keine Kriege mehr. Dankt für dieses Geschenk des Friedens!“

 

Natürlich lästert Alfons auch über die Deutschen, über unsere Schwierigkeiten mit dem Streiken, über die Formularwut, über den VW-Skandal, für den man eine „Supertechnik zum Bescheißen“ erfunden habe, über die Umweltschützer, die Frösche über die Straße tragen, während die Franzosen die Froschschenkel als Delikatesse verspeisen. Zwischendurch zieht Alfons immer wieder Vergleiche: „Bei uns in Frankreich, hier in Deutschland“. Diesen Spiegel lassen sich die Besucher gerne vorhalten und applaudieren auch begeistert, als er erklärt, dass ein deutscher Warnstreik mit einer Länge von drei Stunden in Frankreich gerade mal als Mittagspause reicht.

 

Für sein eigentliches Programm „Wiedersehen macht Freunde“ war Alfons in eine ganz andere Welt eingetaucht, hatte er doch über Kindheit und Jugend und über die „dicksten Freunde“ erzählt. Dann hatte das Leben dafür gesorgt, dass sie auseinandergehen mussten. Aber zuvor hatten sie die entscheidende Idee: Heute in genau zwanzig Jahren sehen wir uns wieder. Gleicher Ort, gleiche Zeit. Nun sind die zwanzig Jahre um und Alfons erscheint pünktlich zum Termin – „obwohl ich Franzose bin“. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Viele Kindheitserinnerungen – gute und weniger gute -  gehen Alfons durch den Kopf, während er auf seine Freunde wartet. Doch, wo bleiben die beiden eigentlich? Werden sie überhaupt erscheinen? Zur großen Überraschung erfährt Alfons: Sein Freund Jérome ist Bürgermeister auf dem Rathaus, in dem ihnen vor vielen Jahren Hausverbot erteilt wurde. Im Film ist zu sehen, wie die drei genau in dem Ratssaal Fußball spielen, in dem es vor Jahrzehnten durch ihren Übermut Scherben gegeben hatte. Ein vergnüglicher, zum Nachdenken anregender Abend, wie man ihn eben nur bei Alfons erleben kann: Eine warmherzige Mischung aus Geschichten, Theater, Comedy und sehr bewegenden Momenten.

 

 

20. Oktober 2017 Joscho Stephan Helmut Eisel Quartett

Rudi Kramer   

 

Virtuoser Mix aus Gipsy Swing und Klezmer gepaart mit unbändiger Spielfreude

Joscho Stephan & Helmut Eisel Quartett begeistert bei Kultur im Bürgerhaus

 

Mühlhausen – rka – Die Kombination aus Gipsy Swing, Jazz und Klezmer fasziniert die Zuhörer immer noch und immer wieder. So war es auch beim Kleinkunstabend von Kultur im Bürgerhaus, als die deutschlandweit bekanntesten Meister ihres Fachs Joscho Stephan, der „Mozart des Gipsy Swing“ (Gitarre) und Helmut Eisel, mit seiner „sprechenden Klarinette“ auf ihren Instrumenten die Funken unbändiger Spielfreude nur so sprühen ließen. Was das Quartett auf der Bühne präsentierte, ist neu, gewagt, einfach genial. Mit ihrem virtuosen Mix halten die hochkarätigen Solisten ihre Zuhörer in Atem, faszinieren mit ausdrucksstarken Soli, witzigen Dialogen und begeistern mit einer Vielzahl brillanter Improvisationen. Zusammen mit Günther Stephan (Rhythmusgitarre) und der „Geheimwaffe“ Stefan Werner (Kontrabass) bilden sie eine furiose Band, die Geschichten aus dem Leben erzählt.

 

Das Programm heißt nicht nur „Gipsy & Klezmer“ – in ihm wird auch die Zwiesprache der beiden Stile auf unnachahmliche Weise Wirklichkeit. Die musikalische Begegnung mit dem scheinbar Fremden und Gegensätzlichen eröffnet den beiden Solisten ungeahnt neue Klangfarben. Die Verbindung von Gipsy Swing und Klezmer garantiert einen Hörgenuss pur und lässt staunen über die verbindende Energie einer Musik, die den Zuhörer unwiderstehlich in den Sog dieser einzigartigen Stilmischung hineinzieht. Hier treffen sich zwei Solisten, die einander und ihrem Publikum ungemein viel zu sagen haben.

 

Sprühende Lebenslust, perlende Tonkaskaden, wunderbare Gitarrenklänge. Wenn solcher Gipsy Swing vom weltweit gerühmten Joscho Stephan erklingt, dann kommt das Publikum aus dem Staunen nicht mehr heraus. Seine grandiose Spieltechnik, die elegante Melodieführung und gestaltende Improvisation fesseln das Publikum bei jedem Stück aufs Neue. Bei Joscho Stephan ist die Begeisterung förmlich zu spüren, die sich unmittelbar auf das Publikum überträgt. Technische Grenzen scheint der Gitarrist nicht zu kennen, er verfügt über eine bemerkenswerte Gitarrentechnik und man fragt sich manchmal, wie ein Instrument das alles erträgt. Mit atemberaubender Geschicklichkeit jagen seine Hände über das Griffbrett und die Saiten. Auch im schnellsten Tempo setzt er noch dynamische Akzente in ganzer Bandbreite und gleitet hinüber in lyrische und verträumte Melodien. Es ist schon beeindruckend, mit welcher Poesie er das eine oder andere Stück einleitet und ausklingen lässt. Doch augenblicklich setzt er wieder zu seinen atemberaubenden Ritten an. Doch es ist nicht nur dieses unglaubliche Spiel, mit dem er die Zuhörer in seinen Bann zieht. Seine flotten Sprüche kommen fast so schnell wie seine Musik.

 

Helmut Eisel, mit seiner Klarinette gleichermaßen in Klezmer, Swing und Jazz verwurzelt, ist derzeit einer der interessantesten Virtuosen auf diesem Instrument. In seinem Gegenüber auf der Gitarre sucht er immer wieder den Partner, sodass im  ebenbürtigen Dialog dieser beiden außergewöhnlichen Musiker die Inspirationen nur so durch den Raum fliegen. Ob Klassik, Jazz, Swing, oder Klezmer, die Klarinette gilt quer durch alle Sparten als das Instrument mit der facettenreichsten Klangfarben-Palette, und dies kann kaum überzeugender bewiesen werden als an diesem Abend durch Helmut Eisel. Denn mit seiner „sprechenden Klarinette“ und der unbändigen Spielfreude seiner Improvisationen erweist er sich als einer der kreativsten und vielseitigsten Klarinettisten Europas. Helmut Eisels Musizieren – das ist Spannung, Spaß, einfach Gänsehaut pur. Sein Spiel passt in keine Schublade, sondern entfaltet ein schillerndes Klangspektrum zwischen Klezmer, Klassik und Jazz – eben ein musikalisches Erlebnis auf höchstem Niveau.

 

Flott begann das Konzert des Quartetts mit einem Solo von Joscho Stephan, der sich vom ersten Ton an selbstvergessen seinen improvisierten Soli widmete, sehr verhalten begann, um aber bald in übermütig eilige, chromatische Läufe hinüberzuschwenken. Nahtlos abgelöst wurde er sogleich von Helmut Eisel auf der Klarinette, der voller schmachtender, gezielt unsauberer Töne seine Melodienlinien zeichnete. Als Quartett wie auch als Solisten erreichten die Musiker einen erstaunlich vollen Klang, was die Zuhörer oft mit einem Zwischenapplaus honorierten. Ein besonderer Ohrenschmaus waren die duettartigen Soli, in denen sich Helmut Eisel und Joscho Stephan wetteifernd nachahmten, sich die Melodien gleichsam wie Bälle zuwarfen und sich ganz der Improvisation verschrieben. Dann flogen Stephans Finger nur so über die Bünde und Eisels Klarinette klang wie ein höhnisches Lachen.

 

Hinter jedem an diesem Abend gespielten Titel verbirgt sich eine Geschichte. So komponierte Joscho „Créateur Immobilier“ als Auftragskomposition für eine Wohnungsgenossenschaft in Hannover. Es ist ein Medium-Swing-Stück, welches das Quartett gerne zur Eröffnung der gemeinsamen Konzerte nutzt. „Antonias Theme“ ist das Liebeslied der schönen Prinzessin Antonia, die allzu gerne dem Werben ihres Liebhabers nachgeben würde, wäre da nicht ihr Vater, ein mächtiger uns sehr launischer Zauberer. Gefühlvoll intoniert die Klarinette die lyrische, singende, melancholische Melodie, die sich in einer rasanten Tempoverschärfung zu einem furiosen Finale steigert. „Sunflower“ ist eine Nummer im Bolero-Rhythmus. Hier fiel Joscho, wie er bekennt, nicht nur das Komponieren leicht, sondern auch das Finden des passenden Titels. „Sunflower“ bringt zum einen die leichte, lockere Stimmung des Stücks zum Ausdruck, zum anderen auch die hochsommerlichen Temperaturen, die damals herrschten.

 

Den Titel „Babsis Decision“ hat Helmut Eisel seiner Frau gewidmet. Wochenlang konnte sie sich nicht zwischen einem eleganten blauen und einem sehr bequemen roten Fahrrad entscheiden. Diesen „Gewissenskonflikt“ kosten die beiden Solisten genüsslich aus, indem sie das Problem musikalisch lösen in einem faszinierenden Wechselspiel von romantischen Klängen bis hin zu einem atemberaubenden Finale. „Funky Waltz“ ist eine wunderbare Musette, die sich sehr deutlich von herkömmlichen Walzern wegen eines „Funky“-Zwischenteils absetzt, bei dem Helmut Eisels Improvisationskunst sowie die rasanten Läufe fast den Atem rauben. Auch zum folgenden Titel „Bei dir war es immer so schön“ gibt es eine Vorgeschichte. Denn dieser wunderschöne, autobiografische Titel von Theo Macheben begleitet Joscho schon seit seiner Kindheit. Also war die Zeit reif, dieser Nummer zu neuem Leben zu verhelfen, natürlich meisterhaft inszeniert von Joscho Stephan.

 

Die Stimmung im Saal war ausgesprochen gespannt und zugleich entspannt, ausgelassen und fröhlich, bei manchem Zuhörer wippten der Kopf oder die Hände im Takt der flotten Saitenrhythmen. Das begeisternde Konzert endete mit zwei Zugaben, Bravo-Rufen von Seiten des Publikums und standing Ovations als Anerkennung für eine musikalische Leistung, die man uneingeschränkt mit dem Prädikat „Hervorragend“ bewerten kann.   

 

 

 

22. September 2017 BECKMANN - GRIESS

 

Rudi Kramer

 

Rock und Klassik, Konzert und Spaß, Können und Kabarett

Kabarettkonzert mit Timm Beckmann und Markus Griess zur Saisoneröffnung bei „Kultur im Bürgerhaus“

Mühlhausen – rka – Die Mühlhäuser Kleinkunstreihe „Kultur im Bürgerhaus“ eröffnete die neue Saison 2017/18 und landete gleich zu Beginn einen Volltreffer. Zu Gast waren die beiden Künstler Timm Beckmann und Markus Griess, zwei  sympathische Herren aus dem Ruhrgebiet, die mit Witz, Charme und musikalischer Wandlungsfähigkeit Bekanntes aus Klassik und Rock verknüpften, auf dass es eine wahre Freude war. Dieses selbst gesteckte Ziel erfüllten die beiden mit allen Wassern gewaschenen Musiker phänomenal. Timm Beckmann und Markus Griess bringen im Laufe des Abends alle Größen der Musikwelt auf die Bühne: den Paten und Rocky, Tschaikowski, Beethoven und Led Zeppelin, Leo und Kate, Mozart, Haydn und die Foo Fighters, dazu zur Erheiterung des Publikums noch den einen oder anderen volkstümlichen Schlager.

 

Mit Klavier, E-Gitarre und Soundmaschine rasen die beiden Musikkabarettisten durch die komplette Musikgeschichte. Der Zuhörer erfährt dabei einiges über die musikalischen Meister der Vergangenheit, während die beiden den Staub von der Klassik wischen und in voller Absicht mit der Rockmusik verbinden. Die Frage steht den ganzen Abend im Raum: Was wollen die beiden Künstler eigentlich? Ein klassisches Konzert von Kabarettisten? Ein Rockkonzert mit Comedycharakter? Oder doch beides? Auf jeden Fall reißen die beiden ohne einen Funken von Respekt alle Grenzen von Musikstilen ein und schaffen etwas absolut Neues – eben ein Kabarettkonzert.

 

Ganz bewusst bauen die beiden zu Beginn des Abends eine melancholische Stimmung auf, denn ihre Fahrt vom Ruhrgebiet über die Autobahnen nach Mühlhausen war alles andere als lustig. So passen auf die „Autobahndepression“ ganz gut die Mollakkorde aus dem „Paten“, dem Gitarrist Markus Griess ganz schnell als Kontrast heiße Rockrhythmen folgen lässt, um das Publikum ganz schnell auf seiner Seite zu haben, es in „Hochstimmung“ zu versetzen. „Was für ein Empfang!“, so kommentiert er die Stimmung im Saal, um gleich die eigenen Ziele für den Abend vorzugeben: „Wir spielen, worauf wir Bock haben“. Man habe ja schließlich einen „Kulturauftrag“. Mit dabei ist immer das Publikum. Denn Mitmachen ist erwünscht. Und die beiden Künstler kommen oft aus dem Staunen nicht mehr heraus, welches Musikwissen unten im Saal schlummert.

 

Mit viel Witz und einer umwerfenden Wortakrobatik wird ein Kabarettkonzert von Stapel gelassen, das aus Zuschauern Mitspieler macht, während Beckmann und Griess versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Vor allem die Bühnendialoge zwischen Pianist und Gitarrist sind einfach herzerfrischend. Nach einem Medley mit 17 Filmtiteln darf das Publikum seine Musikkenntnisse offenlegen, um dann zu erfahren, wie viele Parallelen es zur Klassik gibt: Beethovens 7. Sinfonie, das Klavierstück von „Verlorenen Groschen“, die „Mondschein-Sonate“, die c-Moll-Sonate „Pathetique“.

 

Zwischendurch wird das Publikum aufgeklärt, warum das Programm diesen Titel hat: „Was soll die Terz?“ Vom Ruf des Kuckucks bis zum Ruf der Eltern nach ihren Kindern, alles spiele sich in der „kleinen Terz“ ab. Dann folgt ein höchst gelungener musikalischer Ausflug  nach Russland, das nach Meinung der Künstler „tolle klassische Komponisten“ hervorgebracht hat. Da staunte das Publikum nicht wenig, wie viele Ideen und Motive im Repertoire der Rockmusik landeten, von Tschaikowskis „Nussknacker-Suite“ und dem musikalischen Märchen „Peter und der Wolf“, von Rachmaninows „Bilder einer Ausstellung“, von Chatschaturjans „Säbeltanz“ und von Korsakows „Hummelflug“.

 

Auch darüber wurden die Besucher musikalische belehrt: Fan- und Nationalhymnen haben irgendwo ihre musikalischen Wurzeln. Wer weiß schon, dass die deutsche Nationalhymne dem „Kaiserquartett“ von Joseph Haydn entnommen ist, der die Melodie wiederum einem kroatischen Volkslied entliehen hat? Mit einem ironischen Unterton wird dann die griechische Erkennungsmelodie eingespielt: „Wer soll das bezahlen?“ Frankreichs Nationalhymne fällt auf durch ihren „angriffslustigen Charakter“ und bei der „Europahymne“ weisen die beiden Künstler auf eine besondere Textstelle hin „Alle Menschen werden Brüder“. Ihr Kommentar: „Das ist blanker Hohn im Kopf eines Flüchtlings“. Fehlen durfte schließlich auch nicht die „Toccata d-Moll für Orgel“ von Johann Sebastian Bach im rockigen Gewand.

 

Dass in der Zugabe Carmens Arie „Ja die Liebe hat bunte Flügel“  zum Tango „La Paloma“ mutiert, wundert schließlich keinen im Publikum mehr. Romantisch, besinnlich  klingt der Abend aus: Gemeinsam mit dem Publikum singen die Künstler das bekannte Abendlied von Mattias Claudius „Der Mond ist aufgegangen“. Fazit: Ein faszinierender Querschnitt musikalischer Stile und Epochen – ein wunderbarer Abend also für Musikliebhaber mit Humor, für Kabarettfans mit Draht zur Rockmusik, für Klassik- und Opernfreunde ohne Scheuklappen. Wer sich zu „Was soll die Terz?“ im Bürgerhaus eingefunden hatte, durfte sich über einen Abend mit großartigem Unterhaltungswert freuen.

 

RNZ Rudi Kramer

Kabarettistisches Feuerwerk zweier Könner

Gunzi Hell und Matthias Reuter zogen beim Saisonfinale in Mühlhausen alle Register - Band "Café Bossa" liess den Abend ausklingen

 

Mühlhausen – rka – „Ein vielversprechendes Finale der Saison 2016/17 hatten die Verantwortlichen von Kultur im Bürgerhaus angekündigt. Sie sollten mit ihrer Prognose recht behalten. Mit den beiden Musikkabarettisten Gunzi Heil und Matthias Reuter trafen sich zwei geniale Köpfe, musikalisch, humoristisch, sprachschöpferisch, originell, leidenschaftlich, geistreich, schlagfertig, unverkrampft .... man könnte die positiven Eigenschaften beliebig fortsetzen. Gunzi Heil ist einer der vielseitigsten Künstler, die man sich vorstellen kann. Matthias Reuter hat ähnlich Qualitäten. Er ist ein Gewächs aus dem Ruhrpott, geradeheraus und mit dem Herzen auf der Zunge. Wenn zwei derartige Könner gemeinsame Sache machen, darf man Großes erwarten.

 

Vor und nach den Kabarettisten unterhielt die Band „Café Bossa“ das Publikum an diesem lauen Sommerabend im Freien unter den Linden des Rathausplatzes mit gepflegtem Bossa Nova, Jazz, Lounge und Pop mit der aus Mühlhausen stammenden Sängerin Katja Gaubatz-Birkenmaier. „Café Bossas“ Musik ist breit gefächert, sehr vielseitig, ein Schmelztiegel der Stile, Gefühle und Lebensgeschichten, von Bossa, einer Stilrichtung der brasilianischen Musik, zu Jazz, von Melancholie zu Lebenslust. Diese Band vereint verschiedene Vorzüge, zum einen handwerkliches Können, dann Spielfreude und schließlich das Gespür für die perfekte Kombination von Bossa Nova, Samba, Pop und jazzigen Spielarten.

 

Den roten Faden bei dieser teils besinnlichen, teils temperamentvollen Mixtur hält eindeutig die Sängerin Katja Gaubatz-Birkenmaier in der Hand, denn sie ist nicht nur das strahlende Energiebündel und die vitale Impulsgeberin, sondern auch der gesangliche Mittelpunkt der Truppe und intoniert mit einer beeindruckenden, emotionalen Bandbreite. Geradezu perfekt vereint sie Jazz und Bossa. Nicht von ungefähr sprechen die Mitstreiter an den Instrumenten von ihrem „Sternchen“. Katjas Lebensmotto lautet: „Ein Leben ohne Musik und Gesang ist möglich, aber sinnlos“, ihr Rezept für eine gute Gesundheit: „Singen ist mein persönliches Vitamin C“.

 

Zur Seite stehen ihr vier Vollblutmusiker, die improvisationsstark und doch punktgenau miteinander harmonieren. Der Gitarrist Oliver Petras ist „ne echt kölsche Jung“, war lange als Musikproduzent und Filmmusikkomponist tätig. Bei Café Bossa spielt er heute gerade das, was er am liebsten mag. Der Pianist und Keyboarder Fritz Schwibinger liebt an der Musik das, „was nicht in den Noten steht“, die Interpretation. Das ist mit ein Grund, warum er in dieser Band seine musikalische Heimat gefunden hat. Auch wenn er gerne improvisiert, lautet sein Motto für Café Bossa: „Das Wichtigste ist, zusammen anfangen und zusammen aufhören“. Ergänzt wird die Band durch den Schlagzeuger Martin Frings und den Bassisten Eberhard Laurig.

 

„Die eigenen vier Hände“ heißt das neue Programm, zu dem sich Gunzi Heil und Matthias Reuter zusammengefunden haben. Matthias Reuter, der dem Karlsruher Kabarettisten mit den langen Beinen und der blonden Mähne an skurillen Wortspielen  in nichts nachsteht, sorgt durch seinen rheinländischen Dialekt für die besondere Würze des Programms. Was die Themen angeht, da sind sich die Künstler aus dem Nordwesten und Südosten einig. Sie verpacken Politisches und Gesellschaftskritisches in gelebte Alltäglichkeiten. Das „Schwein“ als dem Menschen schon recht nahes Lebewesen sollte als roter Faden durch den Abend führen, und es war schon erstaunlich, mit wie viel Geschick sich das Motiv in so vielen Themenbereichen unterbringen ließ. Das begann bereits mit der „Bedeutung des Schweins für das deutsche Liedgut“, beispielsweise „Kein Schwein ruft mich an“ oder „Männer sind Schweine“. Manchmal wusste man sich auch durch einfache Wortveränderungen zu helfen. So wurde aus Udo Jürgens „Griechischer Wein“ ein „Griechisches Schwein“ oder aus Helene Fischers „Atemlos“ einfach „Schwartenlos durch die Nacht“. Hochpolitisch wurde es, wenn die beiden die Streitigkeiten innerhalb der EU in den Kindergarten verlegen und dort als „schönste Prügelei“ mit Kratzen, Beißen und Stoßen inszenieren.

 

Da die beiden Literaturwissenschaften studiert haben, sind die Ausflüge in die Hochsprache von Poesie und Märchen nach den Gebrüder Grimm immer ein Hochgenuss, so das 100-Sekunden-Märchen vom „Schicksal eines Zinnsoldaten“. Tatsächliches hat Gunzi Heil einiges zu bieten, wenn er sich einmal warm gespielt und geredet hat. So im Märchen von den „Bremer Stadtmusikanten“, die gemeinsam ein neues Leben beginnen wollen, bevor „der Esel nur noch als Salami taugt“. So verprassen sie – frei nach Gebrüder Grimm – zunächst ihre Riester-Rente, um schließlich bei den „Söhnen Mannheims“ zu musizieren. Dass sich hinter dem Wortgeklingel, das sich vor allem aus Matthias Reuters Mund wie ein Wasserfall über die Zuschauer ergießt, oft Nonsens steckt, dass beide die Lust an der schönen Formulierung, am schönen Schein so auskosten können, ist ein Markenzeichen ihres Programms. Doch neben solchen brillanten Texten finden sich auch ausbaufähige Fragmente.

 

Dazu gibt es auch deftige Kabarettnummern, wie die gedankliche Aufarbeitung der Fußballweltmeisterschaft 2022 („Idee des Jahrtausends“) im „friedlichen Land Katar“ mit dem Endspiel Deutschland gegen Holland. Ob Angela Merkel dann noch als Kanzlerin unter den Ehrengästen weilt? Wichtiger aber ist, dass „die Westen von FIFA und Franz Beckerbauer weiß bleiben“. Natürlich reizt es, die Weltmeisterschaft im Winter mit einem Endspiel am Heiligen Abend durch Lieder zu untermalen. Aber das Gekicke der Fußballstars gesanglich in Weihnachtslieder zu verpacken, ist eine Frage des Geschmacks. Hervorragend in Inhalt und Gestaltung ist Gunzi Heils Song „Es war nicht mein Geld“, in dem er als Banker („ehemals ehrenvoller Beruf, heute mit kriminellem Beigeschmack“) seine Schuld eingesteht, aber die Reue vermissen lässt, obwohl er mit dem Geld anderer „gezockt“ und „kein Börsenglück“ gehabt hat. Schließlich kommt auch die Weltgesundheitsorganisation ihr Fett ab, mit ihrem Ansinnen, Fleisch als gesundheitsgefährdend und krebserregend einzustufen. Dagegen will man sich als „Schweine- und Ebergewerkschaft“ stark machen und fordert mehr Mitspracherecht im Bundestag. Aber dort sei ja „das Rindvieh auf dem Vormarsch“.

 

Natürlich muss man sich hüten, das gesprochene und gesungene Wort in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Denn das ganze Programm lebt mindestens zur Hälfte vom meisterlichen Klavierspiel der beiden, das sich in allen Spielarten frei und ungezwungen austobt. Und wenn der eine mit seiner spitzen Zunge ein wenig schlagfertiger ist, dann macht der andere das mit einer grotesken Darstellung von Mick Jagger wieder wett. Ingesamt war es ein unterhaltsamer Abend mit einer gekonnt ausgewogenen Balance zwischen Spaß und beißender Gesellschaftskritik, gestaltet von zwei Universalkabarettisten, die als Wortakrobaten, Sketschmeister, Musiker und Improvisationsgenies glänzten. Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen, die beiden revanchierten sich mit einem finalen Feuerwerk auf den Tasten.

 

Zu Beginn des Abends nutzte Bürgermeister Jens Spanberger die Gelegenheit, um dem Team von Kultur im Bürgerhaus mit Rolf Schwarz an der Spitze Dank zu sagen für das ehrenamtliche Engagement in der abgelaufenen Saison. Ein besonderes Dankeschön ging an Peter Dehnelt, der zehn Jahre lang als Hausmeister und „Mädchen für alles“ für die Gemeinde und die Kleinkunstreihe gearbeitet hatte, und immer zur Stelle war, wenn er gebraucht wurde. Ein Geschenkabo soll dafür sorgen, dass Peter und seine Frau Rosemarie auch künftig Kultur im Bürgerhaus – jetzt als Gäste – genießen dürfen.

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RNZ

Autor: Rudi Kramer

 

 

Eine kabarettistische Sonate in Dur und Moll erzählt vom Ende des Sommermärchens

Der Kabarettist Mathias Deutschmann begeistert bei Kultur im Bürgerhaus mit seinem Programm „Wie sagen wir’s dem Volk?“

 

Mühlhausen – rka – Mathias Deutschmann, der Kabarettist mit dem Cello, gastierte mit seinem neuen Programm „Wie sagen wir’s dem Volk?“ bei Kultur im Bürgerhaus. Mit Melodien in Dur stimmte er auf seinem Instrument das Publikum auf den Abend ein. Und das ganz ohne Misstöne! Das war nämlich die Zeit bis vor zwei Jahren, als es noch gemütlich in unserer Republik zuging, wo sich alles um das „Feintuning der Freizeitgesellschaft“ drehte, wo man sich noch im „Sommermärchen sonnte“, wo es um Fragen des Wohlstands, des Genießens, der nächsten Kreuzfahrt ging. Doch kaum hatte Deutschmann sein Cello zur Seite gestellt, folgte die kabarettistische Sonate in Moll. Denn die Welt ist aus den Fugen geraten. „So wie wir sie uns zurechtgelogen haben, funktioniert sie nicht mehr!“ Und er hat recht! Viele Träume sind in der letzten Zeit zerplatzt: Der Zusammenhalt Europas, der stabile Kapitalismus in einer sozialen Marktwirtschaft, das Parteiengefüge, die Unantastbarkeit der Kanzlerin. Das sind die Akkorde in Moll: Terrorgefahr, Flüchtlingskrise, Syrienkrieg, PEGIDA, dazu das Ordinäre, das über den großen Teich aus den USA zu uns kommt. Müssen wir uns in der Zukunft mit einem „bewaffneten Clown im Weißen Haus“ auseinandersetzen?

 

Nach seinem musikalischen Auftritt sitzt Deutschmann am seinem Bistrotisch, vor sich ein Buch und eine Menge Text, er fuchtelt mit den Händen durch die Luft, und was so überaus nervös wirkt, ist doch Programm, ist eine Menge von geistreichen Einfällen, bewusste Verknüpfung von Gedanken, Gedankensprünge. Von Zeit zu Zeit sucht der Zuhörer vergeblich den roten Faden und findet ihn nicht. Eben typisch Deutschmann. „Wohin treibt diese Republik?“ so fragt er ins Publikum hinein, und gibt auch gleich die Antwort: „Von der Hoffnungslosigkeit in die Trostlosigkeit“. Und warum? „Wir haben die Welt auseinandergenommen und kriegen sie nicht mehr zusammen“.

 

Auch wenn er es nicht ausspricht, man merkt es an Deutschmanns Minenspiel, dass sich hinter dem heiteren Plauderton eine versteckte Wut verbirgt, wenn er von Dresden spricht, wo das jäh zu Ende gehende Sommermärchen in ein politisches Wintermärchen mündet. „Wir stehen an einer gefährlichen Kreuzung. Von links kommt nichts – von rechts tut sich was“. Bissig sein Kommentar: „Dunkeldeutschland, und so etwas hat mal Begrüßungsgeld bekommen“. Der Kabarettist greift so ziemlich jedes Thema auf, das „Dunkeldeutschland und Schunkeldeutschland“ derzeit bewegt, und entlarvt so manchen Schlachtruf „Wir sind das Volk!“ Wirklich? „Sind wir noch ein Volk oder werden wir gerade bevölkert?“ Und wollen wir uns derart „völkische Fragen“ überhaupt stellen angesichts unserer eigenen Vergangenheit? Scharfsichtig und bitterböse fällt seine Analyse der Gesellschaft aus, wenn das Sommermärchen der deutschen Willkommenskultur zwangsläufig im Wintermärchen endet: „Das Volk hat Angst, die Bevölkerung hilft und das Pack zündelt“. Mit der deutschen Geschichte kennt sich Deutschmann bestens aus. Immer wieder zieht er Querverbindungen, schaut zurück, um dann nach vorne zu schauen oder mitunter sogar nostalgischen Gedanken nachzuhängen. „Haben wir die bessere Welt verloren?“ Wir haben uns doch als „Kavallerie der Hoffnung“ gefühlt, bis wir gemerkt haben, „wir können gar nicht reiten“.

 

Die Frage: „Wie sag ich’s meinem Volke?“ beantwortet Deutschmann auf seine ihm eigene Art. Immer wieder denkt er laut nach, schweift ab, verliert sich dann ins Grübeln. „Unsere Probleme sind eben zu groß, als dass man sie mit einfachen Rezepten lösen könnte“. Trotzdem versucht er es: „Ich sag Ihnen das ganz offen: Man muss die Dinge vereinfachen, sonst bleiben sie kompliziert, das ist mein Wahlspruch“. Aber gibt es einfache Wahrheiten? An denen ist der berufsmäßige Skeptiker nicht interessiert. In seinem Programm geht es vor allem um Fragen, und davon hat er viele, beispielsweise bei seinen politischen Farbenspielen.

 

Angela Merkel, welche die „größte Blazersammlung nördlich der Alpen“ besitze, nimmt Deutschmann in Schutz. Habe Helmut Kohl 1994 noch behauptet, sie könne nicht einmal mit Messer und Gabel essen, beherrsche sie heute ihre Partei „mit links“. Bei den Männern habe die „schwarze Witwe der CDU“ aufgeräumt und jetzt auch dank „fantastischer Berater erfahren, was das Volk denkt“. Nach der schlimmen Erfahrung zum Thema „Horch, was kommt von draußen rein“, rege sich nun ihr Gewissen. Trotzdem bewertet der Kabarettist ihren Satz „Wir schaffen das“ positiv, wenn er an die deutsche Vergangenheit denkt: „Immer noch besser für uns, Personenzüge voller Menschen fahren nach Deutschland rein, als Güterzüge voll Menschen aus Deutschland raus“. Haben wir uns wirklich übernommen, als wir nach dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Flüchtlingen aufgenommen haben? Und auch die Bibel erzählt von flüchtenden Menschen, vom Nomaden Abraham „mit Migationsvordergrund“ und von Moses, der seinem Volk bei der 40-jährigen Wanderung durch die Wüste Mut zusprach mit dem bekannten Satz: „Wir schaffen das“.

 

Auch andere Politikstrategen bekommen ihr Fett ab: Winfried Kretschmann, der sich zum „Landesgroßvater verpuppt“ hat „und langsamer redet als er denkt“, Stefan Mappus, das „flugunfähige Modell“, Günther Oettinger, der mehr „Silben verschluckt als er gesprochen hat“, Siegmar Gabriel, der „Ersatztank“ der Großen Koalition, Putin „der Friedensfürst“, Erdogan, „der kranke Mann am Bosporus“. Welche Rolle spielt der kleine Mann im großen Räderwerk der Politik? „Wir machen nicht die Politik, wir tragen nur die Folgen“. Auch unsere Wirtschaft mischt dabei kräftig mit: „Wenn Moslems gegen Moslems kämpfen, sind wir immer mit den Waffen dabei“. Große Sympathie hegt Deutschmann für den Papst „ohne rote Schuhe“, Franziskus, als „einer von uns“. Es habe großen Mut bewiesen, als er seinem Personal „spirituelle Demenz“ vorwarf. Und sein „Chef“? Dieser handle nach dem Buchtitel von Harpe Kerkeling „Ich bin dann mal weg“. Deutschmanns Feststellung: „Natürlich gibt es Gott, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass er nichts mit uns zu tun haben will“.

 

Auch diese Frage treibt ihn um: „Gehört der Islam zu Deutschland?“ Er kontert mit der Gegenfrage: „Bei vier Millionen Muslimen muss man nicht diskutieren, ob der Islam zu Deutschland gehört, die Frage ist doch, welcher Islam? Der milde Magenschonende aus Mekka oder der mit starkem Röstaroma aus Medina“. Kurz und knapp beschäftigt sich der Kabarettist auch mit seinem eigenen Berufsstand, der inzwischen „Trost sucht bei der Philosophie“, weil „harte Zeiten für das Kabarett“ angebrochen sind. Doch dank Böhmermann geht es wieder aufwärts. Sein Schmähgedicht auf Erdogan war der „Ritterschlag“ für den Künstler. „Sein Auftritt im Abendprogramm zur besten Sendezeit ist ihm sicher“, so Deutschmann. Und er genießt sein „wunderbares Bild“: „Merkel ist in Erdogan hineingekrochen und Böhmermann war der Korkenzieher“.

 

Was will Deutschmann uns eigentlich sagen? Diese Frage stellt sich während des ganzen Abends immer wieder. Nur, sie ist der falsche Ansatz. Der Künstler will keine fertigen Antworten liefern, sondern lediglich zum Denken anregen, Impulse geben. Er formuliert brillant und reißt dabei der Gesellschaft die Maske vom Gesicht. Dabei erhebt er seine Stimme, aber nie den moralischen Zeigefinger. Schließlich ist sein ganzes Programm ein Aufruf an sein Publikum, selbst Stellung zu beziehen. Dieses feiert den Künstler mit tosendem Applaus. 

 

Gemeinderundschau 03.08.17

RNZ (gekürzt) 09.08.17

Autor: Günther Busch

 

 

Kulturkreis Malsch- Mühlhausen

Ein interessanter Tag: Orgelfahrt ins Elsass

 

Der Kulturkreis Mühlhausen-Malsch hatte am Samstag, dem 30. Juli 2016 zu einer „Orgelfahrt ins Elsass“ eingeladen. Die Teilnehmer konnten einen hoch interessanten und kurzweiligen, wenn auch anstrengenden Tag erleben.

Nach kurzer Besichtigung und Stärkung in Sélestat fuhr die Gruppe gegen 13:00 Uhr ins 8km entfernte Ebersmünster, das zwar nur wenige Häuser, dafür aber die wunderschöne, riesige Barockabtei St. Mauritius beherbergt. Das Highlight aber ist die Silbermann-Orgel, erbaut von 1730-1732 von Andreas Silbermann. Das Besondere an dieser Orgel ist der äußerst gute Originalzustand; bis auf kleinere Reparaturen wurde an dieser Orgel seither nichts verändert.

Rolf Schwarz gab in der Kirche eine Einführung in die Geschichte der ehemaligen Benediktiner-Abtei und vor allem zur berühmten Orgel, von deren Baumeister nur noch zwei spielbare originale Orgeln existieren. Danach gab es ein exklusives Orgelkonzert, virtuos gespielt von Rolf Schwarz. Er konzentrierte sich hierbei auf Kompositionen französischer Komponisten der Zeit, die auf dieser Orgel besonders gut klingen. Das wunderbare an dieser Orgel sind der volle Klang, die extrem tiefen Bässe und eindrucksvoll der Nachhall im Kirchenschiff.

Danach konnte auf der Empore das Instrument besichtigt werden. Rolf Schwarz zeigte Details und erklärteden originalen Spieltisch aus der Zeit. Drei Manuale und ein relativ kleines Fußpedal. Die mechanischen Register sind starke Holzriegel, die nicht nur vorne am Pult, sondern auch auf der Rückseite des Organisten bedient werden müssen. Hier zeigte uns Rolf Schwarz noch etliche klangliche Besonderheiten.

Jetzt kam der zweite Teil des Tagesausfluges. Die Fahrt hinein in die Vogesen ca. 40km auf wunderschönen Nebensträßchen über den Col du Feu nach Waldersbach im Steintal. Dieser kleine Ort war über 59 Jahre die Wirkungsstätte von Jean-Frédéric Oberlin, dem Pfarrer dieses damals bettelarmen und abgeschiedenen Vogesen-Seitentales. Er hat 1769 den ersten Kindergarten gegründet, die „kleine Schulen“ genannt wurden und er war der erste, der ein Erziehungswesen der Aufmerksamkeit anwendete, in dem er die Sinne und aktive Teilnahme der Kinder förderte. Er versuchte, eine neue Gesellschafft aufzubauen; sein Ziel war es, die Menschen in ihrem Lebensraum und ihren intellektuellen, handarbeitlichen, künstlerischen, ökonomischen und geistigen Fähigkeiten auszubilden und zu fördern.

Auch war er es, der erst vor ca. 200 Jahren eine Brücke und Fahrwege bauen ließ, damit die Menschen Ihr Tal auch gefahrlos verlassen konnten. Er förderte auch die Heimarbeit und die ersten 200 Arbeitsplätze im naheliegenden Fouday.

Dem Wirken und den Erfolgen dieses Aufklärers, Philanthropen und Sozialpioniers ist ein didaktisch toll aufbereitetes Museum gewidmet, das aus dem ehemaligen Pfarrhaus und einem modernen Anbau entstanden ist. Es enthält die umfangreichen Sammlungen und Schulungsmaterialien, die er zusammengetragen und erstellt hat. Es ist auch Ausdruck seiner Achtung der Menschenrechte, der Verantwortung und dem Respekt gegenüber den Anderen gewidmet und ausgesprochen sehenswert.

Ein weiteres bedeutendes Gebäude in Waldersbach ist die protestantische Pfarrkirche mit einem Holzglockenturm, einem alten Gusseisenofen in der Kirchenmitte und einem uralten Holzbalkengestühl auf der Empore.

Diesen Raum nutzte Rolf Schwarz für die Erläuterung der Zusammenhänge um Jean-Frédéric Oberlin, Jacob Michael Reinhold Lenz und Georg Büchner. Lenz war die Hauptfigur in der bedeutenden Novelle „Lenz“ von Georg Büchner. Dazu lasen
Dr. Sibylle Schwarz und Ursula Martin verschiedene Texte vor, auch Teile einer Predigt von Oberlin zum Thema „Vergnügungen der Christen".  Lenz lebte von 1751-1792, hielt sich wie viele Künstler der Zeit oft in Strasbourg auf und litt unter dem Ausbruch einer psychischen Krankheit. Man entsandte ihn zu Oberlin in der Hoffnung, dass dieser ihn kurieren könne. Georg Büchner studierte u.a. in Strasbourg und schrieb die bedeutenden Werke Dantons Tod, Lenz, Leonce & Lena und Woyzeck. Er starb kurz nach dem Erhalt eines Lehrauftrages an der Universität Zürich im Alter von nur 24 Jahren. Was hätte dieses Genie noch alles schreiben können, hätte er ein normales Alter erreicht.

Auf dem Rückweg besuchten wir noch die ebenfalls protestantische Kirche in Fouday, auf deren Friedhof nicht nur das Grab von Jean-Frédéric Oberlin zu sehen ist, sondern auch ausgesprochen sehenswerte Fresken in einer angebauten Kapelle.

Von Fouday aus fuhren wir dann das lange Tal hinab in Richtung Strasbourg nach Geispolsheim, wo wir das Erlebte bei einem leckeren Abendessen im Restaurant S’Geisstuewel ausklingen ließen.

 

 

 

 

 

RNZ 13.06.2016 Autor. Rudi Kramer

 

Ein starkes Bündnis: Musikalisches Können und schräger Humor

Bayrisches Musikkabarett „MonacoBagage“ begeistert bei Kultur im Bürgerhaus

 

Mühlhausen – rka – Zum Abschluss der Saison 2015/16 hatte Kultur im Bürgerhaus sein Publikum eingeladen, in eine herrlich-wilde Musik-Geisterbahn einzusteigen: Die vier verwegenen Gestalten von „MonacoBagage“, Andy Arnold, Johannes Bengen, Miene Costa und Martin Deubel beackern ihre Instrumente wie Kontrabass, Saxophon, Geige, Akkordeon, Schlagzeug oder Banjo und viele andere und besingen dazu die Welt mit aberwitzigen Texten, über die wirklich ohne Reue gelacht werden darf.

 

Seit 14 Jahren touren „MonacoBagage“ erfolgreich durch Deutschland, heimsen diverse Preise ein, locken das Publikum an und spielen jetzt mit ihrem Programm „Alles, außer gewöhnlich“ in geballter Form ihre Stärken aus: Zum nahezu perfekten Zusammenklang von Musik und Wort, Ernst und Witz, Heiterkeit und Nachdenklichkeit, sowie der ihnen eigenen souveränen Leichtigkeit, gesellt sich – völlig unbeeinflusst von modischen Strömungen der oberflächlichen Unterhaltung – ihr enormes musikalisches Können sowie das mühelose Überschreiten sämtlicher Stilgrenzen. Die vier Allround-Talente aus München sind zwar laut und lustig. Aber das trifft die Beschreibung bei Weitem nicht, denn ihre Show hat mehr Tiefgang als man vielleicht erwarten durfte. Hintergründig sind die Anspielungen, scharfzüngig die Pointen, sodass einem schon einmal das Lachen im Halse stecken bleiben konnte.

 

Aber fangen wir vorne an: Zu Beginn ziehen die Vier aus München musizierend mit Klarinette, Akkordeon, Geige und Kontrabass in den Saal und bedanken sich für den „unglaublich netten Empfang“. Eigentlich habe man sich auf das gute Essen im elsässischen Mühlhausen gefreut: „Aber vergesst das Mühlhausen im Elsaß, hier ist das echte Mühlhausen“. Schon hat man das Publikum auf seiner Seite. Dann stellt sich das Ensemble vor und es stellt sich heraus, dass allein Miene Costa, die sagenhafte „Königin der Nacht“ und des Augenrollens, ein Münchner Kindl ist. Doch auch das nicht wirklich, denn der Vater ist Portugiese und die Mutter kam aus Ostpreußen. Sie lebte lange in Lissabon und New York. Andy Arnold, Meister auf Blasinstrumenten, wurde in Leipzig geboren und wuchs in Weiden in der Oberpfalz auf. Johann Bengen wiederum, Schlagzeuger und Perkussionist, stammt aus Eberbach, und Martin Deubel, Conferencier, Liebhaber auf der Bühne und Geiger, aus Dortmund.

 

Alle vier sind also „eingebürgerte Münchner“ und damit mit der nötigen Distanz zu allem Bayrischen ausgestattet. Trotzdem erfüllt es sie mit gewissem Stolz, ihr „bayrisches Heimatland kulturell zu vertreten“. Aber sie spielen Weltmusik und präsentieren sich als Weltbürger, die dann auch ganz weltlich starten mit der Feststellung: „Der Mensch ist edel und gut“. Ja – bis ein Erbfall alles auf den Kopf stellt. „Dann wird der Mensch zum Tier, zum Schwein“. Dazu reimen sie singend: „Hast du fünf Dinge, aber vierzehn Erben, dann liegt die Familie bald in Scherben“. Als letzte Erkenntnis bleibt: „Selbst der größte Kommunist, wird im Erbfall zum Faschist“.

 

Wichtig ist für das Quartett, „eine Heimat zu haben“. Aber Heimat ist für sie relativ. Großstadt und Provinz sind grad so gut wie „Ober- oder Unterammergau“. Dort suchen die Bewohner für die Passionsspiele einen Hauptdarsteller und wählen dazu den ehemaligen Gauleiter, um ihn mit „echten Nägeln“ anzuheften. Einen Seitenhieb verteilen sie auch auf die Weltreligionen, „die sich nicht schonen und sich die Köpfe einschlagen und ganz nebenbei auf den Erlöser warten“. Der Abend bietet beste Unterhaltung in unglaublicher Vielfalt. Zwischen Comedy und Nonsens, Weltmusik, Stepptanz und Musikkabarett vergeht die Zeit wie im Flug. Und keine Minute bleibt durch das Ensemble ungenutzt, man überrascht mit einer nahtlosen, grandiosen Gestaltung. Neben ihren bekannten Instrumenten benutzen die Vier auch weniger konventionelle Mittel wie Klatschen, Tierstimmen imitieren und Stepptanzen. Und außer ihrem musikalischen und gesanglichen Können bringt jeder der Viererbagage eine ganze Menge komödiantischen Könnens mit.

 

Miene Costa, von Temperament sprühende Stepptänzerin mit unglaublicher Stimme, Andy Arnold aus Weiden in der Oberpfalz, Johann Bengen und schließlich Martin Deubel, verkappter Bluesrock-Geiger mit feinem Erich-Kästner-Humor bringen es fertig, zwischen bayrischer Volksmusik, indischer Hochzeit und orientalischem Tanz ein Schatzkästlein voller intelligenter Witze und abenteuerlicher Kuriositäten zu öffnen, die zum Nachdenken und Schmunzeln anregen. Wie jene „Begegnung in der Straßenbahn“, die sehr romantisch mit einem Zitat aus Goethes „Faust“ beginnt: „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen?“ Doch die Annäherung, das Anschmiegen an das mollige Fräulein hat fatale Folgen: Die Brieftasche fehlt. Zum Nachdenken regt der Song von „Gertraud, wie ich dich anschau“ an. Trotz der „gelben Zähne“ und der „krummen Beine“ gesteht der Liebhaber: „Ich kann nicht von dir lassen“.

 

Verschnaufpausen gönnt man an diesem Abend weder sich selbst noch dem Publikum, die Vorstellung ist wie aus einem Guss. Da erzählt Andy Arnold so zwischendurch vom Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, der über die „Bildungspolitik stolperte“ weil er Goethes „Faust“ in der Gemeindebibliothek unter der Rubrik „Boxsport“ einordnen ließ. Es geht weiter über einen afrikanisch-bayrischen Stammesgesang, über jazzigen „Take Five“ auf der Geige bis hin zum skurillen Sprechgesang. Es folgt ein furioses Schlagzeugsolo von Johann Bengen, das neben den üblichen Schlaginstrumenten, das Inventar des Bürgerhauses, Flaschen, Gläser, Bühnenparkett, Metallgegenstände und eine Aluminiumleiter einbezieht. Zwischendurch erheitert man das Publikum mit einigen „derben Gschdanzl“ (Sprüchen): „Um vier Uhr macht der Tierpark zu, jetzt hat auch das Kängu-Ruh“. Oder: „Der Friedensnobelpreis geht an Heckler & Koch für das Gewehr, das nicht trifft“. Schließlich bekommt noch Präsident Erdogan für seine neusten Entgleisungen sein Fett ab. „Er braucht keine Blutspende, da muss eine Hirnspende her“. Schließlich folgt ein verstecktes Lob auf Mühlhausen: „Mühlhausen ist idyllisch, schön und fein, deshalb fahren wir morgen wieder heim“.

 

Miene Costa als „Chansonette“ bleibt unvergessen. Jedes Auge kann sie einzeln drehen, und der Mut zur Hässlichkeit hilft ihr beim Grimassenschneiden. Als Inderin lauscht sie in dunklem Licht abwechselnd schielend und die Augen rollend dem „Om“. Andy Arnold erzählt trocken aus seiner Heimatgemeinde von „freihers“ (oberpfälzisch für „früher“). Martin Deubel zaubert aus seiner Geige kurzerhand rockige E-Gitarren-Klänge. Hier gibt es keine Stilrichtung, die nicht bedient wird: Urkomisch, frech, reich an Pointen, dazu hochmusikalisch präsentieren „MonacoBagage“ eine grandios vielfältige Bühnenshow. Vom mehrstimmigen Einklatschen der Pause bis zum Volkslied im Latino-Gewand, vom furiosen Stepptanz, vom Blödelwortwitz bis zur Mischung aus Mozarts „Königin der Nacht“ und Offenbachs „Can-Can“ glänzt das Ensemble mit einem abwechslungsreichen Programm. Das passte zwar in keine Schublade, aber es passte wunderbar zu Kultur im Bürgerhaus. Einmal mehr haben die Programmgestalter dort ein Händchen für außergewöhnlich gute Unterhaltung bewiesen. Für dieses ehrenamtliche Engagement darf dem ganzen Team am Ende der Saison 2015/16 auch einmal herzlich gedankt werden.

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RNZ

Autor: Rudi Kramer

 

Musikalische Spitzenleistung mit bitterbösen, satirischen Texten

Pigor & Eichhorn zum dritten Mal zu Gast bei Kultur im Bürgerhaus

 

Mühlhausen – rka – Vor zwanzig Jahren machten sich Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn auf, um die Bühnen des Kabaretts musikalisch zu erobern. Zwei Genies vereinten sich damals zu einem „Duo furioso des Musikkabaretts“, das über Jahre sein Niveau ständig zu steigern wusste. Heute, zwanzig Jahre und insgesamt acht Programme später, von denen inzwischen drei bei Kultur im Bürgerhaus zu hören waren, begeistern sie immer noch mit musikalischer Spitzenleistung  und bitterbösen, satirischen Texten. Wenn Thomas Pigor sein rollendes R in die Mikrofone presst, so ganz nebenbei noch Benedikt Eichhorn am Klavier beleidigt und mit stoischer Miene sich Gedanken macht über „Heterosexuelle mit Damenhandtaschen“ oder über die „Gefahr von Horizonterweiterung durch Wikipedia“, wenn sich die beiden Herren auf der Bühne bekriegen, sich aneinander reiben, wobei es mit Benedikt Eichhorn immer nur einen Verlierer gibt, dann hat das Publikum seinen Spaß. Mit beeindruckender Eleganz marschiert das Duo durch alle Stilrichtungen der Musik und versteht es dabei, präzise und punktgenau bösartige Sätze auf liebliche Melodien zu texten, um den Hörer ganz bewusst vor den Kopf zu stoßen.

 

Pigor & Eichhorn haben sich seit ihrem letzten Auftritt bei Kultur im Bürgerhaus weiter gesteigert, haben eine unnachahmliche Handschrift entwickelt, die weit über das hinausgeht, was man gemeinhin unter Chanson versteht. Ob Pop, Jazz, HipHop oder Lieder zum Mitsingen, das Duo lässt Wort und Musik gleichwertig, also auf Augenhöhe, miteinander wetteifern. Bewundern darf man auch die Virtuosität des Duos und den Mut, Neues zu wagen. Mit seinen Chansons setzt es neue Maßstäbe. Das Programm mit dem Titel „Volumen 8“ ist witzig, intelligent, gleichzeitig bösartig, und hat dabei einen Charme und eine Frechheit, die einem zeitweise den Atem verschlägt. Die Texte von Sänger Thomas Pigor sind hoch verdichtete Lyrik mit der die beiden Künstler über das „Ruhrgebiet, die Zukunftsregion Europas“ oder über die „Müdigkeit, den größten Feind der Zärtlichkeit“ singen und rappen.

 

Als „rhythmisch, modern und aggressiv“ beschreiben sie selbst ihrem furios-geistreichen Bühnenmix. Ergänzen könnte man diese Aufzählung noch durch Begriffe wie satirisch, ironisch, hintersinnig, fies, doppelbödig. „Wir sind die Kabarettisten unter den Musikern und die Musiker unter den Kabarettisten“, so formuliert des Thomas Pigor, der seinen „Tastensklaven“ Benedikt Eichhorn regelmäßig maßregelt und kaum zu Wort kommen lässt. Mit Stimme und Klavier vertonen die beiden die wunden Stellen zeitgenössischer Befindlichkeiten. Den großen philosophischen Themen nähern sich die beiden ebenso wie den Banalitäten des Alltags. Der Song „Traumarbeit“ etwa erzählt von einem Mann, der die ganze Nacht im Traum die Wohnung seiner Freundin tapeziert, sich aber dann weigert, am Morgen dieselbe Arbeit nochmals in der Wirklichkeit zu verrichten. Neu im Programm ist auch die Hymne „Hausschweine“, gewidmet den arbeitswütigen Deutschen: „Einer bohrt immer in diesem Land“. Hier schlägt die Stunde der Heimwerker, die „Eheprobleme mit dem Schlagbohrer“ lösen“. Schließlich folgt der Song für alle „Benedikts“, die „überall ihren Mann stehen“, deren „Gutmütigkeit legendär“ ist: „Sie essen immer alle Teller leer“.

 

Auch Themen der Tagespolitik werden kabarettistisch behandelt, so im Song „In den Brandenburger Sand setzen wir ganz entspannt den Airport Willy Brandt“. Der Finanzrahmen ist schon längst überschritten, aber es gibt ja noch den Länderfinanzausgleich. Im Terminkalender wurden alle Rekorde gebrochen, aber einen Vorteil hat der Airport: „Er ist der leiseste Flughafen der Welt“. Dann kommen die beiden auf die glorreiche Idee, die Redezeit auf drei Minuten zu begrenzen. So lange hatte dann der „Musikhistoriker Eichhorn“ Zeit, über die gänzlich uninteressante Musik Richard Wagners zu reden oder über die noch uninteressantere „doppelte Buchführung“. Ob sich jemand aus dem Publikum traut, die Redezeit von drei Minuten auf der Bühne zu nutzen? Trotz guten Zuredens bleibt die Hemmschwelle hoch. Um diese zu senken, gibt es eine Runde Wodka für alle im Saal, allerdings ohne enthemmende Wirkung.

 

Dann wollen die beiden „Theatergeschichte“ schreiben, mit Hilfe der Zuhörer und mit einem „Power-Nepping“. Drei Minuten Stille ohne Licht? Ist das auszuhalten? Natürlich geht das mit der verordneten Ruhepause schief. Weil die Leute einfach nicht stillhalten können. Schon nach wenigen Sekunden hört man provozierende Schnarchgeräusche, es wird geflüstert, geraschelt, gemurmelt, gelacht, Smartphones leuchten auf. Wenig macht den modernen Menschen so nervös wie das Fehlen von Geräuschen. Sofort befällt ihn der „Horror der Leere“. Ja, Stille macht Angst, es fehlt einfach die alltägliche Klangkulisse. Ob die Stimmung damit im Eimer ist? Pigor hält das für „Hochkultur“, für ein „akustisches Kunstwerk“.

 

Aber Eichhorn begehrt auf und hat keine Lust mehr auf Hochkultur, ehe auf Stimmung im Walzertakt. Dazu jodelt Pigor in echtem bayrischen Dialekt, weil man bei der NSA in Amerika („Da waren die Stasi-Leute Waisenkinder“) keine Dorfdialekte versteht. Berlin spielt weiterhin eine wichtige Rolle in den Songs der beiden Künstler. „Was willst du in Wien, du hast doch eine Wohnung in Berlin?“ mit diesem Song besingt Pigor alle Vorzüge der deutschen Hauptstadt: Nagelneue Stadtteile, Wohnung mit Zentralheizung. Und dann der „Wiener Dialekt, der dir den Magen rumdreht“. Für einen „großen Fehler“ hält er es auch, dass sich seine Freundin „vom Acker macht“ („Einen Mann wie mich verlässt man nicht“) und ins Ruhrgebiet zu ihrem „neuen Macker“ zieht, um dort in der „Fußballbettwäsche“ zu schlafen. Im Übrigen sei die „Ruhr eine Krankheit“.

 

Es war ein Abend mit Niveau und keine Sekunde langweilig – bis sich dann als Zugabe ein Grenzen verletzendes Finale anschließt. Klar, wenn Satire im Spiel ist, erhitzen sich immer die Gemüter, wenn Gott im Spiel ist, noch viel mehr. „Gott ist tot“, so singt Pigor im Refrain des Chansons des Monats Februar 2015 mit dem Titel „Meinungsfreiheit“. Bei allem Wohlwollen, bei aller Toleranz, eine solche Aussage kann man nicht auf der Bühne im Swingrhythmus abtanzen. Das liegt eindeutig jenseits der Geschmacksgrenze, vor allem, wenn man das Publikum zum Mitsingen animiert und zu diesem Zweck in „Gläubige“ und „Ungläubige“ aufteilt< Neues Textfeld >>

 

RNZ 16. Dezember 2015 Amarcord

Autor: Rudi Kramer

 

 

Fünf außergewöhnliche Stimmen auf andächtiger Liederreise durch die Weihnachtszeit

A-Capella-Quintett „AMARCORD“ begeistert mit anspruchsvoller geistlicher Musik /Konzert von „Kultur im Bürgerhaus“ in der Pfarrkirche St. Cäcilia

 

Mühlhausen – rka – Längst ist es kein Geheimnis mehr: Wer ein Konzert des a-capella-Quintetts „ARMACORD“ besucht, darf viel erwarten. Denn die fünf Vokalsolisten gehören neben dem Thomaschor und dem Gewandhausorchester zu den kulturellen Aushängeschildern ihrer Heimatstadt Leipzig. Alle Fünf waren in ihrer Jugend Sänger im weltberühmten Thomaschor von Leipzig, und auf dieser Basis einer soliden Gesangsausbildung mauserte sich das Quintett mit den Jahren zu einer internationalen Klasse-Formation. Jetzt in der Adventszeit war das Ensemble zu Gast in der Pfarrkirche St. Cäcilia, veranstaltet von „Kultur im Bürgerhaus“. Der Hymnus „Veni redemptor gentium“ und seine deutsche Übersetzung „Nun komm der Heiden Heiland“ bildeten die Grundlage eines außergewöhnlichen Programms mit weihnachtlicher Vokalmusik vorwiegend aus Mittelalter, Renaissance, Barock und Romantik. In einer faszinierenden Mischung aus Jubel, Besinnlichkeit und weihnachtlicher Pracht mit nahezu vergessenen Stücken und bekannten Weihnachtsliedern entfaltet diese Musik, die sich konsequent dem bevorstehenden Fest widmet, einen ganz eigenen Glanz. Einen wesentlichen Beitrag leistet auch die hervorragende Akustik des weiten Kirchenraums von St. Cäcilia.  Ein Konzert der besonderen Art, zum Innehalten und Nachdenken in der oft turbulenten Weihnachtszeit.

 

In unglaublich perfekter Klangkultur verkünden Wolfram Lattke, Robert Pohlers (Tenor), Franz Ozimek (Bariton), Daniel Knauft und Holger Krause (Bass) gerade zu „himmlisch“ die Frohe Botschaft von Advent und Weihnachten. Schon bei der Gestaltung des Programms spürt man, dass die Fünf allesamt Sänger im weltbekannten  Leipziger Thomaschor waren. Dadurch haben sie - und das spürt der Zuhörer bei jedem Lied – ein ausgeprägtes Verhältnis zur Advents- und Weihnachtszeit. Durch ihre Auftritte im Gottesdienst bekamen sie außerdem ein Gefühl für den Ablauf des Kirchenjahres. So zieht bei ihrem Konzert die gesamte weihnachtliche Zeit in logischer Abfolge musikalisch am Ohr des Zuhörers vorüber, von der Erwartung im Advent, die Verkündigung an die Gottesmutter durch den Engel, die Geburt Christi im Stall zu Bethlehem und die Heilige Familie, die Hirten und die Hoffnung auf Erlösung.

 

Das „Conditor alme siderum“, ein einstimmiger gregorianischer Hymnus aus dem 15. Jahrhundert, der an die mittelalterlichen Mönchgesänge erinnert, im Wechsel mit einem Motettensatz von Orlando di Lasso, steht wie ein Ausrufezeichen am Beginn des Abends. Vieles, was diesen Konzertabend charakterisiert, kann man schon in diesem Stück hören: Die gewaltige Kraft, aber auch innere Ruhe, die diese Musik ausstrahlt und auch ihr klanglicher Reichtum, der bei den einstimmigen Sequenzen nicht weniger Weite und Tiefe ausweist als bei den mehrstimmigen Sätzen und Motetten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Und nicht zuletzt der Gleichklang des Ensembles, das sich in der Individualität der Stimmen völlig zurücknimmt und mit großer Musikalität und stilistischer Sicherheit in den Gefilden des ausgehenden Mittelalters bewegt.

 

Und dann singen sie wunderschöne, alte Advents- und Weihnachtslieder wie „Nun komm der Heiden Heiland“, „Maria durch ein Dornwald ging“, „Es ist ein Ros entsprungen“ – auf ihre unnachahmliche Weise – als ob jemand mit einer Stimme sänge, dabei aber den klanglichen Reichtum eines ganzen Orchesters zu intonieren vermag. Mit perfekter Abstimmung bei Gestaltung, Aussprache und Dynamik loten sie die ganze Bandbreite von Tönen aus, von samtweich bis kräftig, atemberaubend schön und virtuos, stilsicher und lebendig. Im nächsten Augenblick verzaubern sie ihr Publikum mit einem unglaublich reinen Schlussakkord und erzeugen so Tiefenentspannung und ein Gänsehautgefühl. Was elektrisiert, ist ein sehr harmonischer Ensemble-Klang, der aber die Sänger nicht daran hindert, durchaus auch persönliches Profil zu zeigen.

 

Bei einigen Liedern aus sechs Jahrhunderten tritt das Ensemble den Beweis dafür an, dass die himmlischen Heerscharen der Weihnachtsgeschichte ihr „Ehre sei Gott in der Höhe“ nicht gesprochen haben können. Sie haben es natürlich in den höchsten Tönen des Jubels gesungen, wie hier im Konzert vom franziskanischen Hymnus „Angelus ad Virginem“, der Zwiesprache zwischen Maria und dem Engel, bis zum freudigen Halleluja des „Puer natus in Bethlehem“. Für das Publikum war es besonders spannend zu hören, wie das Quintett die Ausstrahlung und den Farbenreichtum seines Klangs auch in der Einstimmigkeit bewahrt, so beim „Magnifikat“, dem Lobgesang Marias. Hier schließt sich an den einleitenden Gregorianischen Choral jeweils ein fünfstimmiger Satz an. Wunderbar fein verwoben klingen die Bassstimmen, schwebend zart die Tenorstimmen. Hier entfaltet „AMARCORD“ den intonationsreinen Gesangsstil auf das Schönste. Lautmalerisch werden die Stimmen und die Dynamik eingesetzt, wenn es darum geht, Stimmungen auszudrücken, beispielsweise an der Stelle, als „Gott die Mächtigen vom Thron stürzt“. Die Klangkultur, die Stimmführung, der durchscheinende Sound nehmen gefangen bis zum finalen Höhepunkt des „Gloria Patri, Amen“.

 

Zwischendurch lassen die fünf Künstler auch ihrer Freude am Leichten und Verspielten freien Lauf. Neben dem sattsam bekannten Wohlklang zeigen sie im spanischen Weihnachtslied „E La Don“ auch von Temperament sprühende und rhythmische Qualitäten. Dass „AMARCORD“ ein äußerst wandelbares und vielseitiges Vokalquintett ist, zeigen die Künstler, als sie mühelos die Spannung hinüber gleiten lassen zu besinnlich-meditativen Weisen wie „Schlaf wohl, du Himmelsknabe du“, „Maria durch ein Dornwald ging“ und „O Jesulein süß“ im Satz von Johann Sebastian Bach. Es ergreift den Zuhörer, wenn er erlebt, mit welcher Innigkeit und welchen Emotionen die Lieder durch den weiten Kirchenraum klingen. Was da an Gesangskunst, an Leichtigkeit der Tonbildung, an schier endlosem Atem, an feinsten Klangabstufungen zu hören sind, lässt sich nur schwer mit Worten beschreiben. Ob es im Bereich kleiner Männerchorbesetzung auf diesem Niveau Vergleichbares gibt, darf nach diesem Hörerlebnis bezweifelt werden. So gab es auch verdienten Jubel und stehende Ovationen für „AMARCORD“ nach einem grandiosen, vorweihnachtlichen Liederabend. Ein Konzert für alle, die sich mit anspruchsvoller, geistlicher Musik auf Weihnachten einstimmen wollten.

 

 

 

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